Seit wir unerfahrene fünfzehn waren, kennen wir uns jetzt. Es hat gepasst, von Anfang an. Es hat einfach gepasst, auf irgendeine Art und Weise hat es immer funktioniert. Wir waren füreinander da, wann auch immer wir einander brauchten. Es war einfach gut, so wie es war, es gab keinen Grund etwas daran zu ändern. Viel zu oft haben wir miterleben müssen, wie der Gegenüber ein ums andere Mal enttäuscht und hintergangen wurde, viel zu oft haben wir einander Trost gespendet als dass wir hätten sagen können, wir wären nichts besonderes für einander gewesen. Das rettende Ufer, die verständnisvolle Seele, die starke Schulter, all das waren wir für einander, jahrelang. Wir haben einander aufgeholfen, sind zusammen Erwachsen geworden, haben einander nie im Stich gelassen. Und jetzt hör mir gut zu, bitte tu mir diesen Gefallen. Wir haben viel zu viel miteinander durchgestanden, als dass wir uns davon jetzt aus der Bahn werfen lassen könnten.

Du hast einst gesagt du hättest dich in mich verliebt, tief und unsterblich, in mich allein, treu und ergeben, doch geglaubt habe ich es dir nie. Du meintest es nicht ernst, du wolltest nur der Einsamkeit entfliehen, ich hatte Angst vor einem grausamen Ende. Ich wies dich zurück und wollte damit nur das beste für uns beide. Und kurze Zeit später sah ich dich, wie du tatsächlich „der Einsamkeit entflohen“ bist, nur nicht mit mir. Irgendwie war es ein unschönes Gefühl dich in dein Verderben laufen zu sehen, doch ausreden wollte ich es dir nicht, ich hätte es auch nicht geschafft. Ich fühlte mich bestätigt, als dieses Arrangement kurz darauf ein jähes Ende hatte. Natürlich tat es mir leid, natürlich tat es mir weh, aber ich war froh, dass es nicht uns beiden so ergangen war, dass es nicht uns getroffen hatte. Doch auch bei uns beiden hatte das Schicksal schon immer einen Sinn für Ironie. Und dieser Text hier wäre doch auch viel zu kurz geworden, wäre das Schicksal nicht so facettenreich.

Also, wie immer wenn es uns schlecht ging, waren wir uns am nächsten. Und diesmal ging es uns wirklich dreckig. Mit den üblichen Konsequenzen. Du hattest es vielleicht bereits verstanden, du hattest deine Enttäuschung vielleicht schon verkraftet. Ich allerdings steckte noch mittendrin in meinem Selbstmitleid. Soweit ich zurückdenken kann hatte es mich noch nie so schwer erwischt. Es steckte mir in allen Gliedern, in jedem Gedanken, in jeder Nacht und jedem Traum. Sowohl beim allein Aufstehen als auch beim einsamen Schuhe zu machen, beim lustlos Duschen und beim appetitlosen Abendessen. Sie spukte quer durch meinen Kopf, keine Klausur ohne 30 Minuten Tagträumerei, keine Stunde ohne ein „Was wäre gewesen wenn...?“, keine Sekunde ohne ein „Was hab ich nur falsch gemacht?“. Wie so oft blieb mir letztlich nichts anderes, als ein „Es liegt nicht an dir.“ Doch um diese Geschichte geht es ja hier nicht, das ist jetzt schließlich auch abgeschlossene Vergangenheit.

Nein, es geht hier um uns. Um dich und mich. Es geht darum, dass ich immer deine „beste Freundin“ war, und du immer mein „bester Kumpel“. Du machtest dir gern einen Spaß daraus andere zu verwirren, indem du sagtest: „Das ist meine beste Freundin“. Zugegeben es war merkwürdig, und viele dachten auch eine Ecke zu weit, aber es gab einfach keine andersgeschlechtliche Anziehung zwischen uns. Wir waren wie Geschwister, immer füreinander da. Erst nachdem du dich mir mit deinen Gefühlen derart offenbart hattest, wurde es mir von Tag zu Tag deutlicher. Es war Verzweiflung, keine Frage, ich machte daraufhin das selbe durch wie du, daher wussten wir auch immer, wie sich der Gegenüber fühlte. Geschwister im Geiste, das waren wir seit jeher. Es war fast so, als wäre es genau diese Verbundenheit die uns voneinander trennte. Und letztlich haben wir uns irgendwo im Gefühlschaos verloren.

 

 

Und jetzt? Ist es jetzt dieser Schmerz der Trennung voneinander, der uns verbindet? Mir auf jeden Fall bedeutest du noch immer die Welt und ich denke jeden Tag an dich. Denkst du denn nicht auch, es wäre es wert? Denkst du nicht, eine Freundschaft von so enormer Stärke und Tiefe sollte eine solche Kleinigkeit überstehen können? Ich verspreche dir nicht das Blaue vom Himmel, ich werde dir nicht die Welt zu Füßen legen, das könnte ich auch nie. Ich biete dir nichts mehr, als alles das, was ich dir geben kann. Meine aufrichtige Freundschaft, meine tatkräftigste Unterstützung und meinen ehrlichsten Respekt. Und ich erwarte nichts mehr von dir, als dass du meine geschwistergleiche Liebe genauso achtest und ehrst, wie wir uns seit ewigen Zeiten gegenseitig ehren und achten. Wir beide hatten von dieser Freundschaft mehr als wir je davon erwartet hatten. Ich brauche dich als meinen Kumpel, und auch wenn es jetzt komisch klingt: Bitte lass mich wieder deine beste Freundin sein....