Wie lang ist es jetzt her Joey? Drei Jahre? Oder sind es vielleicht sogar schon vier? Bitte vergib mir, ich weiß es nicht mehr genau. Und vielleicht weißt du es auch schon nicht mehr. Aber du und ich, nur wir beide und niemand sonst, wir wissen genau, es ist eine Ewigkeit die uns verbindet. All diese Zeit... Ja genau, die Zeit... Wie sehr wir dieses Wort gehasst haben. "Zeit". Sie war immer gegen uns. Sie war an manchen Tagen nur ein kurzer Moment, an manchen Tagen war sie eine Ewigkeit. Die guten Tage verflogen wie Sand im Wind, die schlechten Tage wurden länger und länger wie ausgelutschter Kaugummi.

Aber leider ist es eine ganz andere Ewigkeit die uns trennt. Wie oft haben wir uns eingeredet es würde gehen, wie oft haben wir geglaubt wir könnten es schaffen? Wie oft, ich frage dich. Wir haben es wahrlich versucht. Wir haben wirklich vieles möglich gemacht. "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg", das war immer unser Motto. Jahrelang ging es hin und her mit uns, wir wussten schließlich selbst nicht mehr wo uns der Kopf stand. An einem Tag war alles gut, es war perfektes Glück, niemand hätte uns einreden können, dass irgendetwas schlechtes daran gewesen wäre. Und an einem anderen Tag war es unendlich grausam, wir glaubten das Leben würde uns hassen, wir glaubten, wir würden bestraft, mit jeder Sekunde die wir getrennt waren.

Warum auch mussten wir uns dort begegnen? Warum musstest du auch unbedingt in mich hinein laufen? Damit hatte alles angefangen. Die ersten lieblichen Worte die ich von dir hörte waren "Oh entschuldigung, tut mir leid". Ich weiß es noch als wäre es gestern gewesen, und ich bin mir sicher du erinnerst dich genauso daran. Wir sahen uns an, und das erste was wir beide dachten war so etwas wie: Solche Begegnungen gibt es nur im Film, so etwas passiert nicht in der Realität. Und obwohl wir es beide für irreal hielten, hatte uns in diesem Moment irgendetwas gefangen genommen. Der kleine kurze Rest dieses Tages den wir zusammen verbrachten, war einer der schönsten in meinem Leben. Und wie sich später herausstellen sollte, einer von vielen. 
Doch ersteinmal verabredeten wir uns dazu, dass wir uns mal an einem Wochenende wiedersehen würden. Etliche Telefonstunden und mindestens Tausend SMS später hatten wir es sogar geschafft. Ich kam mit dem Zug zu dir, die Fahrt war endlos lang, doch war sie auch sehr schnell wieder vergessen. Die zwei Tage die wir hatten, einen halben Freitag, einen ganzen Samstag und einen halben Sonntag, sie waren für mich wie in einer anderen Welt. Ich war in einer Gegend die ich nicht kannte, weit weg von meiner Familie, von Zuhause, aber ich war bei dir. Es gab nur uns beide, niemanden sonst, wir hatten unser eigenes großes Glück in unserer eigenen kleinen Welt.

Doch da war sie auch schon, die Zeit. Sie hatte uns eingeholt. Plötzlich und erbarmungslos. Der erste Abschied war der schwerste, und natürlich flossen Tränen. Ich versuchte dich irgendwie zu trösten, dir zu sagen dass wir uns bald wiedersehen würden, doch innerlich wusste ich es selbst. Die Zeit bis zu unserer nächsten Begegnung würde endlos werden. Auf dem Weg zum Bahnhof hattest du schon angefangen zu weinen, ich konnte es fast nicht ertragen, es tat mir tief im Herzen weh. Irgendwie schaffte ich es wohl dich ersteinmal zu beruhigen, doch lange währte es nicht. Wir gingen, uns fest in den Armen haltend, jeden dieser schweren Schritte in Richtung Bahnhof. Wir gingen sie, weil wir sie gingen mussten. Als wir dann den Bahnhof erreichten, fingst du wieder an bitterlich zu schluchzen. Ich hielt dich fest in meinen Armen, wir gingen langsam bis zu dem Gleis an dem mein Zug eintreffen sollte. Wir standen da, schweigend, die letzten Momente genießend. Ich küsste deine Stirn, wischte dir die Tränen und die dunklen Haare aus dem Gesicht, das mit dem des lächelnden süßen Mädchens das ich kannte nicht mehr viel gemeinsam hatte. Als dann der Zug am Gleis eintraf und du jämmerlich angefangen hast zu weinen konnte auch ich mich nicht mehr halten. Du weißt es selbst, ich bin eine sehr seinsible Seele und ich konnte den Schmerz nicht mehr in mir bewahren den wir versuchten uns zu teilen. Ich nahm deinen Kopf von meiner Schulter, wischte dir noch einmal die Haare von der Wange. Ich sah in dein verweintes Gesicht und ich bat dich darum noch einmal für mich zu lächeln, damit ich es in Erinnerung behalten könnte. Wir küssten uns noch einmal liebevoll, sehnsüchtig, deine Lippen schmeckten salzig. "Ich will mit dir kommen." sagtest du leise und verzweifelt als ich dich langsam loslassen musste. Du wusstest selbst das es nicht gehen würde, doch der Traum lebte in uns beiden. Was geschah als ich in den Zug gestiegen war, wissen und spüren wir beide heute noch. Ich weiß nicht wann ich jemals so lange und so verzweifelt geweint hätte. Und ich weiß dir ging es nicht anders.

Die kommenden Wochen und manchmal sogar Monate in denen wir uns nicht sehen konnten waren endlos lang, aber dafür waren die kleinen Wochenenden unglaublich schön. In diesen Momenten war unser Glück perfekt, wir genossen jede Sekunde, auch wenn diese nur dahin zu fliegen schienen. Wir hatten eigentlich immer einen wunderschönen Freitag, weil die Wiedersehensfreude uns übermannte, einen mittelmäßigen Samstag da der Abschied vom kommenden Tag sich schon in unseren verträumten Köpfen breit machte, und einen grausam traurigen Sonntag, der stets mit Tränen endete. Es klingt kalt und vergangen wenn ich das jetzt so plump dahin formuliere, aber du kannst mir glauben, diese Zeit hat mich sehr bewegt.

Erinnerst du dich noch an den Song Mad World von Michael Andrews und Gary Jules? Wir haben ihn immer gehört wenn wir Samstag-Abends zusammen im Bett lagen und uns schon zum Weinen zumute war. Dieses wunderschöne und doch todtraurige Lied war damals gerade in den Charts, ich werde nie vergessen wie wir die CD auf repeat stellten und wir stundenlang nur diesen Track gehört haben. Man könnte sagen das war unser Lied... im nachhinein sagt es viel darüber aus wie es mit uns war, findest du nicht? Wenn wir zusammen waren, waren wir meist trauriger als wenn wir auf das nächste Treffen warteten.
Da ist es auch kein Wunder dass wir uns so oft getrennt haben. Dann hattest du mal jemanden bei dir kennengelernt, dann hatte ich mal jemanden gefunden, aber wirklich vergessen konnten wir einander nie. Das ist wohl der Grund dafür, dass wir uns nie völlig in jemanden verlieben konnten. Und war es uns dann doch mal passiert, dann standen wir schon bald wieder allein da, weil unsere Liebe die wir endlich bereit waren jemand anderem zu geben, nicht erwidert wurde. So lagen wir dann Abends wieder allein in unseren Betten, und wir wussten genau der andere würde auch gerade in seinem Bett liegen und leise der Stimme von Gary Jules lauschen. So fanden wir immer wieder zueinander zurück. Manchmal haben wir uns Monatelang mit unendlich vielen SMS von einer Woche in die nächste gerettet. Und als dann die Ferien kamen, dann nahm das Schicksal seinen lauf. Ich weiß noch immer nicht warum deine Eltern so sehr darauf bestanden haben, dass du mit ihnen in den Urlaub fahren musstest. Ich weiß du hast deine Eltern dafür gehasst, und ich kann nicht sagen dass ich sie dafür gern gehabt hätte, doch irgendwie haben wir auch das überlebt. Und das gleich ganze drei Mal. Meistens hatten wir dann nur fünf oder sechs Tage füreinander. Und Weihnachten? Es gab in der ganzen Zeit nur ein Weihnachten an dem wir auch zusammen waren. Meistens hatten wir uns vorher getrennt, da gerade zur Weihnachtszeit das bedürfnis nach nähe immer größer wurde und somit auch die Trauer nicht beieinander sein zu können immer größer wurde. Ich habe den Adventskalender den du mir gemacht hast noch, beziehungsweise den Inhalt. Das 24 Teile Puzzle bleibt in meiner kleinen Box, du weißt welche ich meine. Ja das waren so die kleinen Höhepunkte unserer zweifelhaften Beziehung...

Und jetzt? Jetzt nach all dieser Zeit? Jetzt scheint es so, als wäre alles geklärt. Wie abgestandenes Bier und schal gewordener Wein, kalt und bitter geht alles zu Ende. Wir haben schon so oft gesagt es würde ein Ende haben müssen, und wir haben auch schon so oft gesagt, dass es "diesmal endgültig" wäre, aber so wie jetzt war es noch nie. Wir haben so viel geredet, uns klar gemacht, dass es so nicht weitergehen kann. "Wir blockieren einander, wir sind nicht offen für die Welt in der wir leben, und für die Menschen die darin vorkommen, weil wir in unserer eigenen Welt leben.", haben wir gesagt. Vielleicht ist das sogar die Wahrheit, vielleicht haben wir all diese Zeit verschwendet. Es gibt kein schlimmeres Gefühl als das, dass man Zeit die man hätte nutzen können, einfach weg geworfen hat. Und jetzt stehen wir beide da und realisieren endlich, dass wir die ganze Zeit nichts anderes getan haben als die Zeit weg zu werfen. Egal wie es jetzt weiter geht, egal was jetzt passiert, ich weiß nur eins: Wenn wir uns noch einmal neu kennenlernen würden, heute, und nicht vor vier jahren, dann würden wir vieles anders machen, und es wahrscheinlich sogar hinbekommen. Du hast immer gesagt, wenn ich bei dir wäre, bei dir in der nähe wohnen würde, dann wären wir perfekt füreinander geschaffen. Ich habe dich immer dafür gehasst wenn du es mal wieder gesagt hast, doch ich habe verstanden was du damit gemeint hast. Ich werde dich nie vergessen Joey, und ich weiß du hörst das nicht gern, genau wie viele andere die mich kennen es nicht mögen wenn ich darüber rede, aber ich muss es sagen. Du bist einer der Gründe dafür dass es mich überhaupt noch gibt. Ich habe Tränen in den Augen während ich das schreibe, und ich hoffe wir haben jetzt alles geklärt. Leb wohl meine liebe, und bitte, vergiss mich nicht.



In memory of beautiful times:

{Michael Andrews feat. Gary Jules - Mad World}