Er wollte nur noch nach hause, er wollte einfach weg, weglaufen, wegfahren, einfach nicht mehr da sein wo er war. Er wollte es nicht wahr haben, konnte es nicht ertragen dass ihm das schon wieder passiert war, womit hatte er das verdient, womit, warum immer er, fragte er sich, warum immer er? Er kannte keine antwort auf dieser frage, obwohl er sie sich schon so oft gestellt hatte, dass er aufgehört hatte es zu zählen. Er kannte dieses Gefühl zu gut, wie es einem das herz zerreißt, wie ein Dolch der sich durch das Sternum hindurch in den Brustkorb rammt, wie eine Lanze aus kaltem stahl die alles durchschlägt was sich ihr in den weg stellt. Er wollte dieses Gefühl vergessen, verdrängen, doch es holte ihn wieder ein als er bei seinem Auto ankam. Er hatte sich nicht einmal bei seinen Freunden verabschiedet, es tat ihm leid doch er hatte anderes im kopf, er wollte auch gar nicht gehen, doch dieses Gefühl trieb ihn an. Er stieg ein, schnallte sich an, er hatte sich nicht seine Jacke angezogen, auch nicht die Handschuhe oder den schal umgemacht, er fror bitterlich doch es war ihm egal, er wollte weg. Der Schlüssel drehte sich kraftvoll im Zündschloss, der Motor heulte qualvoll auf, so wie sein Herz es gern wollte aber nicht konnte, das Licht blitzte auf, die Reifen quietschten auf dem Asphalt, die Wut und die Verzweiflung kontrollierten sein handeln. Er schnellte voran, es war eine Sackgasse, er schlug das Lenkrad rum, das Heck brach aus und half ihm unwillkürlich dabei eine schnelle wende zu machen. Er raste die Strasse herunter, bremste heftig als er die Polizei ihm entgegen kommen sah. Schrecksekunde. Das war knapp, dachte er als sie vorbei war. Das war es doch auch gar nicht wert. Etwas sinniger bog er einige male ab, fuhr die leeren Straßen entlang und verschwand schließlich im Wald. Diese strecke war er schon so oft gefahren, er kannte sie blind, mit so vielen verschiedenen Gefühlen war er hier schon langgefahren, so viele Erinnerungen kamen in ihm hoch. Der Mond schien hell in dieser nacht, das licht blitzte hin und wieder durch die Baumkronen die von dem reif bedeckt waren. Immer wieder sah er sein schmerzverzerrtes Gesicht im Spiegel vom mondlicht erleuchtet aufblitzen. Er fing an nachzudenken, als er wie im Blindflug durch die kurven zog. Du kennst das doch nun schon, reg dich ab, es ist scheißegal, ein weiteres mal verletzt, was soll’s, du weißt doch wie es jetzt weiter geht. Ja das wusste er. Er hatte schon so etwas wie bestimmte Rituale entwickelt, er wusste zwar, dass diese auch dieses mal nicht helfen würden, denn das hatten sie schließlich noch nie, aber er würde sie trotzdem wieder ausführen. Er dachte viel nach während der fahrt, in seinem Auto war es ruhig, die Straße war teilweise eingefroren aber ließ sich problemlos befahren. Eine kurve war vereist, doch auch diese hatte er früh genug gesehen. Seine Gedanken kamen langsam runter, er wurde ruhig, er schien jegliches Gefühl zu verlieren, er fühlte nichts, war leer, die Straße kam auf ihn zu und auf ihn zu, er fuhr einfach auf ihr entlang wie auf einer schiene. In einer kurve schmetterte ein kleiner Pickup an ihm vorbei, doch er nahm ihn nicht wirklich wahr. Er dachte weiter, gefühllos aber klar fuhr er über die erste von den zwei Kreuzungen an denen er etwas aufpassen musste. Was soll’s, dachte er noch einmal, und schien sich mit allem abzufinden, es war plötzlich gar nicht mehr so schlimm, keine Wut, keine Verzweiflung mehr. Er dachte sogar positiv, sah seine Zukunft, er freute sich auf sie, war neugierig auf das leben. Befreit fuhr er weiter, als plötzlich links von ihm im Wald etwas aufblitzte. Er bremste im Reflex, fragte sich was das wohl war. Es war ungewöhnlich. Er bremste weiter ohne darüber nachzudenken. Er lenkte sein Auto in eine kleine einfahrt zwischen den bäumen, ließ das standlicht an, machte den Motor aus und verließ das Auto. Es schien in der Zwischenzeit noch kälter geworden zu sein. Er ging in die Richtung in der er das blitzen vermutete. Unter seinen Schuhen knackten die äste unter dem frost, er ging in den Wald hinein, neugierig, ungewiss was ihn erwartete, er wusste auch nicht warum er das tat, aber es lenkte ihn ab. Er fror immer mehr, nur mit der Strickjacke bekleidet war es echt kalt, er ging noch etwas weiter blieb dann aber stehen. Was mache ich hier eigentlich? Es ist doch eigentlich verdammt gefährlich bei den ganzen Tieren hier, ich kann von glück sagen dass kein Wildschwein in der Nähe ist. Kaum hatte er das gesagt, hörte er ein knacken, nicht weit entfernt. Er konnte nichts entdecken. Langsam ging er in Richtung Strasse, er ging möglichst leise, sofern er das noch beurteilen konnte, in seinen Ohren piepte es nämlich noch von der Anlage der Party, auf der er seine Freunde zurückgelassen hatte. Langsam ging er weiter, er war nervös, etwas ängstlich, ungewiss was das wohl gewesen ist. Es kackte wieder. Nicht mehr weit bis zum Auto. Er konnte es schon sehen, dort stand es ja, das standlicht leuchtete in der einfahrt gegenüber. Na gut, es war wohl nichts dachte er und ging zum Auto. Plötzlich drückte etwas gegen sein linkes knie, es schob es gegen das rechte. Auch das rechte knie gab nach, eine ungeheure kraft wirkte auf seine Beine. Er spürte wie seine knie zur Seite hin  zersplitterten, die Oberschenkel wurden mitgerissen, seine Füße verloren Bodenkontakt, wurden in die Luft geschleudert. Seine hüfte klatschte schließlich gegen eine Glasscheibe, wurde auch plötzlich mitgerissen. Der Rest des Oberkörpers bewegte sich wie eine peitsche auf das Glas zu, prallte auf, von unten nach oben brachen eine, zwei drei linke Rippen bis die Energie übertragen war, der Kopf, wie das schnalzende ende der Peitsche, schlug heftig mit der Schläfe gegen einen rahmen aus Metall, die obere Halterung der Glasscheibe. Der Schädel brach, er spürte es sofort. plötzlich war nichts mehr zu spüren, er flog durch die Luft, sieben, acht, neun, zehn Meter, landete auf dem Asphalt, schlug nochmals mit dem kopf auf und rutschte in den Graben voller Schnee, erst als er gegen einen Baum prallte blieb er liegen. Der Reif der wegen der Erschütterung vom Baum viel bedeckte ihn. Er sah ein paar Scheinwerfer an ihm vorbeirasen, ein Mazda Rx8 mit zerbrochener Windschutzscheibe. Er sah die Bremsleuchten und beobachtete wie das Auto stehen blieb, als er merkte wie das blut aus seiner Nase und aus seinem mund floss. Es war warm, weich, es lief langsam in den Schnee der ihn fast vollständig umgab. Seine Augen wurden schwer, er schloss sie langsam, er wurde schwächer. Er hörte eine Autotür zuschlagen, einige schritte gingen suchend auf und ab. Plötzlich eine Stimme: „Hallo? Ja, ja guten Abend em ich äh steh hier im Elm, ich äh ja ich hatte einen Wildunfall, ich habe die Straßenränder abgesucht, aber ich konnte nichts finden, es muss wohl weggelaufen sein, ja.“ Er hörte noch wie die Stimme beschrieb wo genau der Unfall passiert war, dann verließen ihn langsam seine sinne, er dachte noch daran was er vorhin gedacht hatte: „Das war es nicht wert...“