Ein schmerzender Rücken kann auch entzücken

 

Da lag er also. Allein, in seinem kleinen Raum, spärlich beleuchtet von ein paar schwachen Lampen, die nur ansatzweise die Dunkelheit die vom Fenster hereinbrach zurückdrängen konnten.. So lag er da, allein in seinem bett, sehnsüchtig an seine Liebe denkend und beinahe vergehend vor Einsamkeit. Er wollte ins Auto steigen, zu ihr fahren und einfach bei ihr sein. Einfach sein noch junges Leben genießen, das war alles was er wollte. Doch lag er immer noch allein in seinem Bett, völlig unfähig auch nur den kleinsten Beitrag zu einer funktionierenden Gesellschaft zu erbringen. Seit einer Stunde starrte er nun schon an die Decke und mit der zeit wurde auch das auf dem Rücken liegen unbequem. So jung wie er dachte, war er wohl nicht mehr, gestand er sich ein. Sein Körper wollte einfach nicht so wie er. Auch wenn er seinem Körper befahl aufzustehen, dieser reagierte nicht. Das einzige in seinem körperlichen Sein das im Moment noch funktionierte war sein Gehirn. Es arbeitete und arbeitete, kam nicht zur ruhe bis alles geschafft war. Alles geschafft? Was war denn überhaupt zu schaffen? Er fing an sich in seinen Gedanken selbst zu hinterfragen, fragte sich warum er tat was er da tat. Was tat er da überhaupt? Er wusste es nicht genau. Er wusste nur eins: angefangen hatte es heute morgen. 

 
Dabei hatte der Tag begonnen wie jeder Donnerstag seit einem halben Jahr begann. Er stand total übermüdet auf und wankte nur mit Unterwäsche bekleidet die Treppe herunter, zog sich aus und stieg in die Dusche. Schnell die Duschbatterie aufgedreht und schon floss das Wasser warm und sanft über seine müden Glieder, ohne allerdings den erhofften Effekt der Belebung herbeizurufen.
Nachdem er sich dann eingeseift, die haare shampooniert und abgespült hatte, hob er die Flasche mit der Seife auf die ihm mit lautem Geplumpse herunter auf die Keramik der Dusche gefallen war und öffnete den Duschvorhang. Er trat auf das ausgebreitete Handtuch am boden um nicht alles vollzutropfen und spürte die winterliche Kälte seines Badezimmers ihm entgegenschlagen. Schnell schlüpfte er in seine Unterwäsche damit er nicht völlig auskühlte, zog sich flugs das Hemd über den kopf, sprang in seine Hose und ging immer noch wankend in die Küche. Seine Füße platschten auf die kalten Fliesen im Flur, die Kälte kroch langsam an seinen Fersen hoch und er spürte wie seine Wadenmuskulatur etwas versteifte. Doch er kümmerte sich nicht darum, das Gefühl hatte er schließlich jeden Tag. Gereinigt war er jetzt, nun musste er sich noch für den Tag stärken. Er ging zum Kühlschrank und erspähte etwas neues, etwas das gestern noch nicht da war. Eine noch ungeöffnete Packung besten Tilsiters landete auf dem kleinen blau eingedeckten Küchentisch. Von der unerwarteten Abwechslung im Frühstückmenü sichtlich erheitert stellte er neben sein Frühstücksbrettchen das schwarze Elixier, das ihm den Start in den Tag erleichtern sollte: Frisch gekochter noch dampfender Kaffee mit ein wenig Milch. Er machte sich schnell ein Toast, belegte es mit dem Tilsiter und ließ es Bissen für Bissen in seine Verdauung wandern. Er spülte mit einem Schluck von dem heißen Kaffee nach, saugte hörbar die verbrauchte Luft in der Küche durch seine Zähne ein, kühlte seinen Gaumen. Der Kaffee war doch heißer als er erwartet hatte. Das einzige was jetzt noch fehlte war eine einigermaßen annehmbare Frisur, die er sich schnell vor dem Badezimmerspiegel mit Schaumfestiger und Haarspray zurechtfuchtelte. Dazu gehörten noch geputzte zähne und ein entlastender Moment auf der Toilette. Anschließend sah er in den Spiegel und stellte fest, dass er bereit war sein Tagwerk zu verrichten. Er warf das Handtuch vom boden über den Rand der Badewanne, zog sich ein paar Strümpfe und Schuhe an und ging noch mal in die Küche. Dort sortierte er sein Frühstücksgeschirr in die Spüle ein und schlürfte mit verzerrtem Gesicht den Rest des nun kalten und bitteren Kaffees aus der Tasse.

Gerade als er dann die Kiste mit den Sachen für seine geliebte Annika, die er ihr nach der Arbeit vorbeibringen wollte in den kleinen Kofferraum seines Zedergrünen VW-Lupo hob, passierte es. Beim abstellen der Kiste knackte es fürchterlich in seinem Rücken. Er stellte die Kiste ruhig ins Auto, richtete sich auf und fasste sich an den Rücken. Was war das denn, fragte er sich. So laut hatte es ja noch nie geknackt. Doch er verspürte keinerlei Schmerz, daher setzte er sich in seinen Wagen und ließ den Motor an, der immer so ekelerregend leise schnurrte dass es ihn jeden morgen an den allerletzten Abend mit seiner verflossenen erinnerte. Ein wirklich unangenehmes Gefühl, das ihn nun nicht mehr zu stören braucht. Mit den 24 Sachen in der Kiste, zu einem Adventskalender für seine Neue verpackt, machte er sich auf den weg zur Arbeit. Die Fahrt verlief sehr gewöhnlich, ihm wurde einmal die Vorfahrt von einem silbernen BMW genommen und er musste an zwei Ampeln halten. Nach insgesamt Sieben Minuten war er da. Und beim Aussteigen dann merkte er es: Im Bereich seiner Lendenwirbelsäule stimmte etwas nicht. Er wollte sich aufrichten doch ein stechender Schmerz hinderte ihn. Ein Nerv hatte sich eingeklemmt und verhinderte ein normales Fortbewegen im aufrechten Gang. Sichtlich gequält erschien er am Arbeitsplatz, schlug sich tapfer durch den Tag und spürte all seine Pläne zu Staub zerfallen. Die Kiste zu seiner Geliebten bringen konnte er vergessen, das würde sein Rücken nicht mitmachen, abends zum Training gehen war nur noch illusorisch und die Pokerrunde mit seinen Freunden konnte er sich bei den harten Stühlen auch abschminken.

Ein gelungener Tag, dachte er bei sich als er, endlich daheim, seinen Körper auf  eine möglichst schmerzfreie art und weise in sein Bett zu manövrieren versuchte. Eine stunde lang starrte er regungslos an die Decke. Zehn Minuten verbrachte er damit, sich langsam umzudrehen, schließlich war er ein Bauchschläfer. Eine Dreiviertel-Stunde dauerte es bis er endlich eingeschlafen war, und es brauchte nur 17 Minuten bis er wieder aufgeweckt wurde. Ein zartes paar Lippen berührte seine Wange, eine kleine zarte hand streichelte über seine Schläfe und durch seine Haare. „Ach mein Armer“, sagte die schönste Stimme die er kannte leise und er spürte nochmals ihre zarten Lippen, die er sich auch mit geschlossenen Augen sehr gut bildlich vorstellen konnte. Als er sich nun langsam umdrehte und die Augen öffnete erblickte er das erste Päckchen aus dem von ihm gemachten Adventskalender in ihrer Hand. Erstaunt beobachtete er wie sich ein gutmütiges lächeln auf ihrem Gesicht formte, ein Lächeln wie das einer Mutter, die zufrieden ihr Kind beim schlafen beobachtet. Das Lächeln kannte er an ihr noch nicht, doch konnte er sich nichts vorstellen dass eine größere Zierde für ihr zartes Antlitz wäre.
Sie setzte sich nun vorsichtig auf die Kante von seinem Bett, während er es schaffte sich endlich vollends auf den Rücken zu drehen. Gerade wollte er ihr sagen wie schön er es doch fand, dass sie da war, als sie vom Boden vor dem Bett seinen Laptop hervorholte, auf seinen Schoß stellte und sagte: „So schatz, und jetzt ne entspannende Runde Poker am Laptop.“. Dabei grinste sie als würde sie alles wissen was er dachte. Er wusste überhaupt nicht mehr was er sagen sollte, er wusste auch nicht woher sie so genau ahnte was er im kopf hatte, aber es war ihm auch egal. Erst recht als Sie sich sanft an seine Schulter kuschelte und ihren Lieblingssport im Fernsehen einschaltete. Noch während er seinen Arm um sie legte ging ihm etwas durch den Kopf, das ihn selbst erstaunte: Diese Rückenschmerzen sind unerträglich, aber ich war noch nie in meinem Leben so glücklich wie jetzt.
Sie schloss die Augen und lächelte als wüsste sie was er gerade gedacht hatte.